Vom Kindermädchen zur „bösen Stiefmutter“

Dieser Text erschien 2015 zuerst in der WirFrauen – das feministische Blatt (3/2015).

Selfportrait of Vivian Maier in a mirror

Selfportrait of Vivian Maier, 1953
Source: http://bit.ly/1KGfIDV

Der Dokumentarfilm Finding Vivian Maier erzählt die Geschichte eines Zufallsfundes. John Maloof – der Regisseur – erwirbt bei einer Zwangsversteigerung einige Kisten mit alten Fotos, Negativen und unentwickelten Filmen aus einer Wohnungsauflösung. Bei näherer Untersuchung des Inhalts wird Maloof klar, dass er einen Schatz gefunden hat: tausende von großartigen Bildern, die an Diane Arbus und Berenice Abott erinnern und vor allem den Alltag im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts zeigen. Eine kleine Sensation. (In Deutschland berichtete u.a. die SZ darüber; siehe auch hier.)

Die Fotografin heißt Vivian Maier. Aber wer war sie? Die Filmemacher John Maloof und Charlie Siskel begeben sich auf Spurensuche. Dabei setzt sich Maloof als Archivar und Agent in Szene. Das entspricht zwar der Realität, da er Maiers Arbeiten archiviert, druckt und promotet – etwas, was sie zu ihren Lebzeiten nicht tat. Denn Vivian Maier, die 2009 alleine und verarmt verstarb, hatte ihr ganzes Leben lang als Kinderfrau gearbeitet. Daher ist es fantastisch, dass Maloof sich die Mühe gemacht hat, Maiers Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass er selbst einen Film darüber gemacht hat – und wie er die Geschichte erzählt – , hat jedoch einen etwas schalen Beigeschmack.

Ausgehend von seinem Fund rekonstruiert Maloof Vivian Maiers Leben und Herkunft. Er interviewt die Familien, für die Maier gearbeitet hat, und sucht nach Anhaltspunkten in den Materialien, die er in den Kisten findet, die Maiers Nachlass bilden. Doch Maier war eine in sich gekehrte Person, die anderen nicht viel von sich offenbarte.

Zu Beginn wird die Geschichte des Kindermädchens Vivian Maier, die ein bisschen wie ‘Mary Poppins’ ist – fantasievoll, unternehmungslustig und für Abenteuer zu haben – erzählt. Immer in Maiers Gepäck: ihre Kamera. Zwar wird hier bereits auf ihre exzentrische Eigenschaft, alles aufzuheben und die seltsamsten Dinge spannend zu finden, eingegangen. Zunächst wird dies als sympathischer Tick abgetan. Irgendwann nimmt die Geschichte jedoch eine Wendung: Eine Interviewpartnerin, eins der ehemals von Maier betreuten Kinder, erzählt, wie grob Maier war und wie diese sie regelrecht misshandelt habe. Und plötzlich kippt das Narrativ. Im Schnitt werden nun alle negativen und exzentrischen Ereignisse und Verhaltensweisen zusammengestellt, im Kommentar wird immer öfter von Vivian Maiers „dark side“, ihrer dunklen Seite, gesprochen. Auf einmal rückt in den Vordergrund, dass sie ihr Leben lang alleine lebte, nie eine Beziehung hatte und viel alleine reiste – Reisen, auf denen sie übrigens phänomenale Bilder machte. Ein Angestellter des Einwohnermeldeamts in New York, den Maloof für eine Recherche von Maiers Familiengeschichte befragt, bezeichnet sie als „spinster“ (alte Jungfer). Das bleibt unwidersprochen. Maier wird vom netten Kindermädchen zur ‘bösen Stiefmutter’.

Ganz klar: es geht nicht darum, Maier zu entschulden. Durch die Art und Weise der Inszenierung im Film werden jedoch viele von Vivian Maiers Eigenschaften – ihre Art sich zu kleiden (‘praktisch’, ‘männlich’), ihr Jungesellinnen-Dasein usw. – pathologisiert. Maloof und Siskel versäumen dabei, die Frage, warum sie nie etwas veröffentlicht hat, anders zu stellen – nach Strukturen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen, anstatt nach ihrer persönlichen Motivation. In einer gewissen Weise ist es der male gaze*, der Maier als Objekt einer männlichen Narration unterwirft und sie dadurch vereinzelt. Sie wird aus den sozialen und politischen Kontexten einer Gesellschaft herausgenommen, als hätten diese nichts mit ihr zu tun, anstatt Vivian Maier in ihre Zeit einzubetten.

Finding Vivian Maier ist dennoch ein spannender Film über eine Künstlerin, die zu ihren Lebzeiten (vielleicht) nicht den Mut und wahrscheinlich nicht die Möglichkeiten dazu hatte, so zu leben und zu arbeiten, wie sie es sich vielleicht gewünscht hat. Zugleich ist der Film aber auch ein Beispiel dafür, wie im 21. Jahrhundert die Geschichte einer Frau immer noch vor allem anhand ihrer Andersartigkeit erzählt wird.

www.vivianmaier.com

Finding Vivian Maier, ein Film von John Maloof und Charlie Siskel, USA, 2013, 84 Minuten.

* Dieser Begriff wird erstmals 1975 von Laura Mulvey in ihrem Aufsatz “Visual Pleasure and Narrative Cinema” gebraucht, um zu beschreiben, wie weibliche Figuren visuell und narrativ sexualisiert werden (entsprechend einer heteronormativen Norm). Im Falle der Darstellung Maiers im Film benutze ich den Begriff jedoch eher i.S. einer pathologisierenden Perspektive (auch aufgrund ihrer ‘abwesenden’ Sexualität) auf Maiers Leben und einer verengten Perspektive auf die historischen/gesellschaftlichen Bedingungen.

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