Schwimmübung.

Dieser Text erschien zuerst im Queerfeministischen Taschenkalender 2013.

Was bedeutet sexuelle Freiheit? Eine einfache Antwort wäre: Sex zu haben, mit wem eine_r will und wie eine_r will. Aber ist diese Antwort so einfach zu verstehen bzw. umzusetzen? Bei genauerer Betrachtung wird sichtbar, dass sich das nicht so leicht sagen lässt, bzw. dass die oberflächlich so freiheitlich anmutende Prämisse der Sexualität durch etliche unausgesprochene Regeln beeinflusst ist. Es mag so erscheinen, als sei es gelungen, die noch bestehenden offensichtlichen Normen zurückzudrängen, sozusagen sexuellen Ungehorsam zu verüben – sei es durch den Bruch mit der Heterosexualität, sei es durch Missachtung der Schönheitsideale. Eine Hürde bleibt aber bestehen: die Reflexion auf die eigenen Verflechtung in die gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Wirkung auf das eigene Bewusstsein.

Die Queer Theory hat in den letzen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Zwangsläufig steht bei einer Idee, die sich mit Sex und den gesellschaftlichen Implikationen darüber auseinandersetzt, der Körper als Austragungsfeld der Debatte im Zentrum der Betrachtung. Die Definitionsgesetze einer cis- und heteronormativen Gesellschaft ausser Kraft zu setzen ist ein erklärtes Ziel einer queeren Bewegung.

Körper I

Und diese gibt es bezüglich des Körpers etliche Definitionsparameter vor: Form, Grösse, Ausdehnung, Farbe, Kleidung, das alles spielt eine Rolle in der Frage, wie wir eine Person, die uns gegenübertritt beurteilen – das wird auch von vielen psychologischen Untersuchungen unterstellt. Warum wir so urteilen, wie wir urteilen, wird im Allgemeinen mit biologisch-essentialistischen Erklärungen beantwortet. Schöne Menschen wirken intelligenter, dicke Menschen erscheinen ungesünder, Männer müssen männlich wirken damit Frauen sie attraktiv finden und vice versa, Menschen mit Brille vermitteln ein Gefühl von Seriosität, dasselbe gilt für Menschen in Uniform. Dass diese Kategorien gesellschaftliche Konstrukte sind, die unsere Urteilsmatrix beeinflussen scheint häufig überhaupt nicht zur Debatte zu stehen. Solche Kategorien funktionieren so, wie früher die Schwimmflügel im tiefen Wasser: sie geben Halt und die Möglichkeit uns zu orientieren, damit wir immer wissen wo wir sind und nicht untergehen.

Fairerweise muss eingeräumt werden, dass tatsächlich viele der oben genannten Faktoren eine Rolle spielen, wenn wir einander zum ersten Mal sehen – in Frage zu stellen wäre aber die Ergebnisauswertung. Es heißt also, zu betrachten, was uns eigentlich dazu bewegt, Menschen primär danach zu beurteilen. Zeit, die Schwimmflügel abzulegen (Buchempfehlung am Rande: Cordelia Fine Delusions of Gender).

Geschlecht XYZ

Insbesondere Geschlechtlichkeit wird an körperlichen Merkmalen festgemacht, die biologischen Funktionen zugeordnet werden. Diese Funktionen wiederum rechtfertigen die angeblich so unterschiedlichen Rollen, die Menschen anhand ihres Geschlechts angeblich zukommen. Die Tatsache, wie wir mit Geschlechterbildern umgehen, hat jedoch soziale Gründe, keine biologischen. Die definitorischen Grenzen, auch für die Biologie, sind durch unsere Sprache, unsere Zeichen, Symbole, etc. gesetzt, d.h. die angeblich so eindeutige biologische Differenz ist Teil des Ordnungsprozesses, durch welchen wir die Welt „unterwerfen“.* Auch die Wissenschaft ist stets beeinflusst von sozialen, historisch-traditionellen Vorstellungen, durch Interessen und Machtgefüge.

„Im Endeffekt dreht sich alles um Partnersuche und Reproduktion.“

Sexualität, Geschlecht und Körperlichkeit stehen also in einem engen Verhältnis zueinander. Zumindest ist es das, was uns vermittelt wird, im Sinne einer heteronormativen Idee, die sich in allen Lebensbereichen widerspiegelt: da der Körper und sein Erscheinungsbild etwas sind, die uns erkennbar machen und worüber wir definiert – und definierbar – werden und uns selbst definieren.

Wie die Sexualität, so wird auch der Sex selbst in unserer Gesellschaft unmittelbar mit diesem geschlechtlichen Körper verbunden – „gewisse Inhalte der Biologie und Physiologie“ wurden „zu Normalitätsprinzipien für die menschliche Sexualität“ (Foucault,WW, S. 149) erklärt. Trotz aller sexueller Revolutionen und feministischer Bewegungen, sind ideelle Vorstellungen von Sexualität immer noch bestimmend. Wie eine Frau zu sein hat und wie ein Mann zu sein hat, bzw. dass überhaupt Frauen und Männer zu sein haben, ist bestimmt durch Konstrukte, die Menschen sich zumeist gegenseitig aufzwingen. Darüber hinaus ist definiert, wie sie miteinander zu sein haben: der heteronormative Konsens bedarf der Reproduktion.

Michel Foucault beschreibt in seinem Buch Der Wille zum Wissen (WW) im letzen Kapitel ein sehr interessantes Phänomen: dass die Befreiung der Sexualität in Wahrheit nur die Verschiebung der Parameter der Kontrolle aus einer vormal ‘göttlichen’ in eine weltliche Ordnung sei. So wurde nur der Ort der Unterwerfung verlegt: aus der paternalistischen, externen Gewalt ist eine innere Bestimmung geworden, die gesellschaftlich eingeübt wird: dominiert durch offensichtliche Normen und Vorstellungen, die einfach zu brechen sind, unterfüttert aber von subkutanen Regeln und Ideen, die unbewusst auch durch alternative Lebensentwürfe reproduziert werden. Vielleicht besteht das Problem darin, dass wir immer noch im selben Becken schwimmen und daher selten über dessen Rand hinauskommen.

Geschlecht 2.0

Obwohl die Suggestion besteht, dass jede_r selbst darüber entscheidet, wie sie_er sein will und mit wem, sind dennoch weithin normierte Formen des Begehrens bestimmend darüber, wie Menschen einander beurteilen und sich verhalten. Die sexuelle Befreiung bleibt dann nur eine oberflächliche Veränderung, die die Normen und Verwicklungen von Wissen und Macht bestehen lässt, ja sogar kunstvoll verschleiert. Die Diskurse der Gesellschaft sind weiterhin heterosexistisch geprägt, auch wenn sie nun z.B. Homosexualität nicht mehr verdammen, jedoch nur unter den gleichen heteronormativ bestimmten Kategorien fassen ‘können’, wie die Standard-Heterosexualität (Mann, Frau, 1,4 Kinder).

Es scheint für viele so zu wirken, als ob der offensive Umgang mit Sexualität zur Folge hätte, dass diese Regeln und Normen ausgehebelt seien. Tatsächlich aber sind die Normen hier bloss verinnerlicht, sie bedürfen nur noch der „Kontrolle“ durch das Soziale – eine kollektive Praxis der Selbstunterwerfung unter den gesellschaftlichen „Konsens“. Auch der offensichtliche Bruch mit den greifbaren Normen adressiert diese indirekt – die Sexualisierung und Reduktion des menschlichen Lebens auf die physiologischen und biologischen Essentialismen. Daher schreibt Foucault: „Man muß sich von der Instanz des Sexes frei machen, will man die Mechanismen der Sexualität taktisch umkehren, um die Körper, die Lüste, die Wissen in ihrer Vielfältigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen die Zugriffe der Macht auszuspielen“ (Foucault, WW, S.151).

Körper II

Ein waghalsiger Sprung ins kalte Wasser. Ein Teil diese Widerstands ist die Rekursion auf die eigene Person: dem Begehren wird die eigene Lust und der eigene Körper entgegensetzt. Statt die Projektion des eigenen Verlangens auf eine andere Person einfach zuzulassen, ist genau dieses Verhalten zu reflektieren. Dabei spielen unsere Körper eine ganz enorme Rolle. Denn sie sind es, die uns diese Empfindungen vermitteln, und über die wir uns ausserhalb der sprachlichen Kommunikation verständigen. Das eigene Verlangen zu verstehen, bedeutete aber, ein aufrichtiges Verhältnis zu sich selbst eingehen zu wollen – und dies auch zu dürfen.

Denn auch diese Empfindungen sind nicht frei von Ideen, die definiert sind: durch Sprache, die als originäres Element unsere Vorstellungen gliedert. Sie ordnet, strukturiert, definiert. Ein notwendiges Procedere, will ein Mensch mit anderen Menschen kommunizieren. Es ist aber möglich, diesen Vorgang zu reflektieren. Gerade das ist der Inhalt queerer Sexualität und Ideenwelten, diesen definitorischen Kern von Sexualität und Körper in der heteronormativen Gesellschaft zu unterwandern, das Wollen zu hinterfragen. Durch das Wollen, das Begehren kolonialisieren wir die Körper der anderen, und die gesellschaftliche Sphäre beeinflusst die Techniken, die dazu benutzt werden. Der Ausgangspunkt des Wollens ist das Individuum, daher ist dies auch der Einsatzort queerer Politiken. Es reicht nicht aus, deklamatorisch „dagegen“ zu sein. Es ist der Versuch der eigenen Schere im Kopf die Absage zu erteilen. Am Ende muss versucht werden, der Definitionsfreiheit die Freiheit von Definition entgegenzusetzen, um dem Sexualdispositiv, wie Foucault es nennt, also der verinnerlichten Normativität, zu entkommen. Wir müssen lernen im Freien zu schwimmen.

*Dazu siehe auch: Voß, H.-J.: Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, transcript 2010.

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