Der unvorstellbare Körper

Dieser Text erschien zuerst im Queerfeministischen Taschenkalender 2014.

„In the fabric of a tutu, any man could get used to and I am the living sign“

The Smiths

Körper ohne Gewicht

Wie kann ein Diskurs über Geschlechter geführt werden, ohne das die Körperlichkeit zum Pferdefuß des Argumentes wird? Körperliche Attribute werden von Kritiker_innen gerne als „handfeste“ Argumente ins Feld geführt, wenn es darum geht, sich mit den Konstruktionen von Geschlecht zu konfrontieren. Der materiellen ‘Wahrheit’, so die Annahme, kann sich eben keine_r entziehen. In ihrem Buch Körper von Gewicht schreibt Judith Butler: „[…] die Fixiertheit des Körpers [wird], was seine Konturen und Bewegungen ausmacht, etwas ganz und gar Materielles sein, aber die Materialität wird als Wirkung von Macht, als die produktivste Wirkung von Macht überhaupt, neu gedacht werden.“ (Butler, 1997, 22).

Die stoffliche Existenz des Körpers wird so anerkannt, über die Beschreibungsformen und Zuordnungen von Körpern kann und muss jedoch weiterhin ein Auseinandersetzung stattfinden. Butler reagierte auf ihre Kritiker_innen, die ihr vorgeworfen hatten in ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter den Körper als reale stoffliche Existenz zu vernachlässigen. An den Gegebenheiten der Natur liesse sich nichts ändern und sie schlicht durch die von Butler vorgenommenen Kritiken an den Ideen von sex und gender „wegzuanalysieren“ würde die Menschen ihrer körperlichen Erfahrungen und Empfindungen berauben (vgl. dazu z.B. Duden, Barbara: Die Frau ohne Unterleib; in: Feministische Studien, 2/1993).

Materialität und Diskursivität

Durch die Unterscheidung zwischen Materiellem und Materialität verschiebt Butler den Fokus der Kritik auf eine notwendige Analyse der Biologisierung von „Geschlecht“. Um es zu vrdeutlichen: gesellschaftliche Zuordnungen von Geschlechtlichkeit erfolgen nicht einfach konsequent aus den körperlichen Attributen eines Menschen. Anhand von matriellen Prämissen, die der Körper, anbietet, werden Annahmen über eine Person getroffen, so z.B. dass eine Person mit einer bestimmten Brustform eine Frau* sein muss. Das ist die Materialität eines Körpers, die geschaffene „Substanz“ menschlicher Kommunikation über diese materielle Grundlage. Materie immer auch etwas zu Materie Gewordenes. In diesem Prozess schreiben sich die Effekte von Macht durch die ständige Wiederholung regulierender normativer Diskurse in das Objekt ein, und stellen es zugleich her, anstatt es nur zu benennen. Der Begriff der Performativität, den Butler schon in DUdG einführt, kann also auch auf der Ebene des Biologischen Geschlechts, sex, angewandt werden. Materialität kann als die materielle Wirkung eines Diskurses interpretiert werden, der sich durch historische, politische und gesellschaftliche Dynamiken konstituiert. Auch die biologische Geschlechtlichkeit ist ein Akt der Performanz – des Benennens. Mit der These der gewordenen Materialität von sex wendet Butler sich gegen die Annahme der Überschreibung eines faktischen, materiell-körperlichen Geschlechts mit einem sozialen Geschlecht, gender. Es ist nicht ihr Anliegen, den Körper zu „dekonstruieren“ und somit aufzulösen, sondern zu versuchen, eine Rückkehr zum Körper zu schaffen als einem „gelebten Ort der Möglichkeit“ (Butler, 1997, S. 11). Sex ist ein normatives Phantasma, eine Vorstellung, nach Jacques Lacan eine „psychische Repräsentation“ und somit dem Bereich des Imaginären zugehörig.

Corps incompréhensible….

Schon Michel Foucault beschreibt den Körper als notwendig partiell vorgestelltes Moment. Er stellt der Übermacht des Geistigen als Kontrollinstanz über die Materie, die den Körper als unausweichliches Schicksal darstellt, den Körper als Quell des Utopischen und Fantastischen gegenüber: „Auch er besitzt ortlose Orte“ (Foucault, 2005, S. 28). Das Betrachten der Außenwelt wird als Erlebnis utopischer Konstruktion beschrieben: wie zwei Fenster öffnen sich die Augen nach außen und sehen doch nur eine Landschaft, als fantastische Übertragung der Dinge von außen ins Hirn, bestehen parallele „Welten“. Sie sind im Kopf, zugleich unerreichbar. Weiter noch: es gibt Teile des Körpers, von denen ein Mensch zwar weiß, die sie_er selbst aber nur bedingt wahrnehmen kann. Ist die Rückseite des Körpers noch mithilfe von Verrenkungen vor dem Spiegel zu betrachten, so sind Knochen, Organe, Muskeln zwar spürbar und doch zugleich unsichtbar. Auch das Gehirn kann nicht direkt von seiner_m eigenen Träger_in betrachtet werden. Das Bild, was ein Magnet-Resonanz-Tomograph uns vom Gehirn liefert ist eine durch Magnetwellen gespiegelte Rekonstruktion unserer eigenen Innerlichkeit. „Der Körper ist ein Fantom, das nur der Spiegelwelt mit ihren Trugbildern angehört […]“ (Foucault, 2005, S. 30). Diese Ausführung des Körpers als utopisches Moment mag naiv anmuten, lässt jedoch das Problem, das Butler beschreibt, durch seine Naivität noch eindeutiger hervortreten: Die Zuordnung und das Erkennen des „Eigenen“ erfolgt durch eine vermittelnde Instanz, die Spiegelung in einem „Medium“, wodurch eine Vorstellung von sich selbst nicht als unabhängig von diesem Prozess gedacht werden kann.

Die menschliche Form

Der menschliche Körper unterliegt Normierungsprozessen, die er selbst hervorrufen kann, durch seine eigenen fantastischen Qualitäten. Dies Normierung erfolgt durch die rituelle Einübung und das Einüben diskursiver Formen über den Körper, am Körper selbst. Es herrschen Vorstellungen darüber, was ein normaler, gesunder, schöner Körper ist, und an diesen Körper gebunden ist oft das damit zusammenhängende Leben. Die Marginalisierung von Körpern ist nicht eine Ausgrenzung von Materie, es ist eine Ausgrenzung von Personen mit einem Leben, einer Geschichte, mit eigenen Gedanken und Gefühlen. Ob ein Mensch als schön, hässlich, wohlgeformt oder dick bezeichnet wird hat etwas damit zu tun, welche fantastischen Motive über Körperlichkeit den Diskurs einer Gesellschaft beherrschen. Daraus folgt eine Hierarchisierung von Körpern, die sich konkret an der Ausgrenzung und Marginalisierung von Menschen durch Sexismus, Rassismus, Homophobie etc. zeigen lässt. Es sind auch Ergebnisse der phänomenologischen Zuordnung des Körperlichen zu fantastischen Kategorien, die über das rein Materielle hinausweisen. Die „menschliche Form“ (Butler) ist nicht eindeutig, ein Körper muss ihr zugeordnet werden. Diese Zuordnung hat Auswirkungen auf den Umgang nicht nur mit dem Materiellen, sondern mit dem ganzen menschlichen Leben, dessen Definition davon abhängig wird, wie seine materielle Grundlage definiert wird. Sex und gender sind nur zwei Effekte einer hierarchischen Kategoriesierung, die im Kontext intersektionaler Verschränkung verstanden und evaluiert werden müssen.

Die Körper, die da kommen

Was anfangen, mit diesem Wissen? Wie kann die Einsicht, dass auch die biologischen Grundlagen normativen Diskursen ausgesetzt sind, die Körper in ihrer jenseitigen, abstrakten Unsichtbarkeit davor „retten“, dieser zu unterliegen? Menschen sind angewiesen auf medizinische Hilfe, auf Nahrungsmittel, auf Pflege. Aber nicht auf die Vermarktbarkeit und die Anpassung der eigenen Körperlichkeit an die Ansprüche einer Gesellschaft. Diese scheint in der Abweichung nur die Störung ihrer Abläufe sieht, nicht aber die Irritation als erstes Moment des „Eigenen“ überhaupt verstehen zu können. Sayak Valencia, mexikanische Transfeminist_in und Philosoph_in, schlägt vor, die körperliche Verwundbarkeit des marginalisierten Körpers gegen die Verwertungslogiken der (kapitalistischen) Gesellschaft über den Körper zu stellen. Die Irritation der Norm ist dann nicht nur das Moment der Unterwanderung bestimmter Vorstellungen: es bietet sich auch die Möglichkeit, die Gewaltförmigkeit von Verhältnisse zu entlarven, ohne den gewonnen Freiraum wieder an diese Verwertungslogiken zu verlieren. Der Körper ist hier die utopische Universalie, die alle Menschen verbindet, doch eine „Form des Menschlichen“, die durch ihre Verletzbarkeit jenseits eines Diskurses liegt: „El dolor es tambien una forma de contacto (Der Schmerz ist auch eine Form des Kontaktes).“ (Valencia). Oder, um es positiver zu wenden: „An den Lippen des Anderen werden die eigenen Lippen spürbar“ (Foucault, 2005, S. 35f.).

Literatur:

  • Butler, Judith: Körper von Gewicht, 1997,
  • Dies.: Frames of War, 2010,
  • Foucault, Michel: Die Heterotopien/ Der utopische Körper, 2005,
  • Interview mit Sayak Valencia in ila-Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika, 361/2012,
  • Valencia, Sayak: Capitalismo gore, 2010.
Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s