Das Unbeugsame in der Sprache

Vom gesellschaftlichen Sinn und politischer Notwendigkeit geschlechter_gerechter* Sprache

Dieser Artikel erschien 2013 zuerst in der “WirFrauen” (3/2013).

Die Feminazis haben zugeschlagen“

So formulierte es Heide Oestreich satirisch in ihrem Kommentar zu den Reaktionen auf den Beschluss des Senats der Uni Leipzig im Juni diesen Jahres. An der Uni Leipzig wurde beschlossen, dass fürderhin in der Grundordnung das generische Femininum stehen wird: Professorinnen statt Professoren. Vorgeschlagen hatte es ein Physikprofessor und der Senat stimmte zu. Die ganze Universität Leipzig also eine feministische Hochburg?

Nicht ganz, eine Fakultät widersetzte sich den „Umerziehungsmaßnahmen“ (SZ). Der Dekan der juristischen Fakultät in Leipzig liess auf der Website der Einrichtung ein Statement veröffentlichen, dass ich hier ganz zitieren werde, denn es demonstriert bereits sehr eindringlich, wo Sprachpolitik-Hase im Pfeffer liegt:

Liebe Studieninteressierte, sehr geehrte Eltern, meine Damen und Herren,

der Senat der Universität Leipzig hat beschlossen, Amtsbezeichnungen in Zukunft ausschließlich in der femininen Form zu verwenden. Die öffentliche Kritik daran ist inhaltlich berechtigt. Wir missbilligen den Beschluss des Senats. Wir werden ihm nicht folgen. Kein männlicher Student der Juristenfakultät Leipzig muss damit rechnen, als „Studentin“ angesprochen zu werden. Die Juristenfakultät unterstützt alle sinnvollen Maßnahmen der Gleichstellung. Mehr als die Hälfte unserer Studenten sind Frauen, die ebenso wie unsere männlichen Studierenden mit hervorragenden Studienleistungen überzeugen. Wir werden Sie auch weiterhin mit guten Lehrangeboten bis hin zur Examensvorbereitung unterstützen. Darauf kommt es uns an. Dafür stehen wir! Der Akademische Senat der Universität Leipzig wird aufgefordert, zu ernsthafter Sacharbeit zurück zu kehren.“

(Zitiert nach dem Sprachlog von Anatol Stafnowitsch; das Statement ist auf der Homepage des Dekanats nicht mehr zu finden

Auffällig an der Veröffentlichung ist die bemühte Gegenwehr gegen die angebliche ‘Verweiblichung’ von Männern*. Was hier sichtbar wird ist nichts weiter als die fortdauernde strukturelle Misogynie (alt-griech. „Frauenfeindlichkeit. Abneigung gegen Frauen.“), die jedoch keinesfalls der Sprache eigen ist, sondern als Ausdruck der symbolischen Ordnung der Gesellschaft verstanden werden muss. Die Sprache als Teil kultureller Praxis spiegelt wider, was sich anders auch ohne Worte artikuliert.

Die symbolische Ordnung der Sprache und die Abwesenheit von Frauen*

La femme n’existe pas“ (Die Frau existiert nicht.), formulierte es der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901 -1981) in seiner Analyse der Sprache als symbolische Ordnung. Dies bedeutet nicht, dass Frauen* in_existent sind. Auf der symbolischen Ebene jedoch, wie z.B. der der Sprache, stellen sie jedoch nur das ‘Andere’ dar, die Abweichung von der ‘männlichen’ Norm (Vgl. Lacan, Jacques: Seminar XVIII, 1970–1971). „Das Reden über Männer ist völlig problemlos in dieser Männersprache. Schwierig, kompliziert und verwirrend ist nur das Reden über Frauen“ schrieb Luise F. Pusch daher noch in den 1980er Jahren (Das Deutsche als Männersprache, 1984; S. 8). Dieser Satz hat bis heute offenbar nichts an Bedeutung eingebüßt. Mehr noch: gilt dieser Satz für Frauen*, gilt er für Menschen, die sich zwischen, neben oder außerhalb der binären Geschlechterordnung bewegen (wollen) umso deutlicher. Als Instrument queer_feministischer Praxis sollte ein kritischer Sprachgebrauch also geboten sein.

Einwand: „Die Sprache bezeichnet die Dinge nur, sie verändert sie aber doch nicht.“

Ein klassisches Gegenargument von Skeptiker_innen geschlechter_gerechten* Sprachgebrauchs, ist der Zweifel an der Wirksamkeit eines solchen politischen Instruments. Häufig wird davon gesprochen, dass sich durch eine solche Betonung des Wie des Sprechens der Fokus auf die Inhalte verloren ginge. Die Deutung von Aussagen erschöpfe sich dann nur noch in der richtigen Sprechweise, einer angenommenen ‘Political Correctness’, nicht mehr in dem, was gesagt würde.7

Ein Statement, wie das der juristischen Fakultät Leipzig, zeigt aber eindeutig, dass durch eine ‘Umwertung’ des grammatischen Geschlechts weit mehr bewegt wird, als bloß ein Wie des Sprechens und Schreibens. Es gilt daher, deutlich zu machen, dass Wirklichkeit* und Sprache durchaus in einem Verhältnis stehen, dass sich gegenseitig beeinflusst.

Dieses Verhältnis kann eine_r sich in etwa so vorstellen (siehe auch Graphik): Die Welt besteht aus Gegenständen, Sachverhalten, Ereignissen usw. Diese sind ‘wirklich’ insofern, dass sie eine materielle Wirklichkeit* haben (Ding oder „was Sache ist“), die jedoch noch jenseits einer abstrakten Beschreibung von ‘Wirklichkeit’ liegen. Wenn Menschen ein Ding oder Ereignis bemerken oder sich vorstellen, machen sie sich ein gedachtes Bild davon (Begriff oder „was eine_r meint“). Wenn Menschen mit diesen Begriffen von Dingen reden, so verwenden sie Zeichen (meist hörbar, sichtbar oder anders wahrnehmbar). Das sind Wörter, Bezeichnungen, Benennungen, Symbole oder Ähnliches (Symbol oder „was eine_r dazu sagt“).

Semiotischesdreieck

(Quelle Graphik: Wikicommons)

In einer essentialistischen Vorstellung von Sprache, also einer Vorstellung, in der Ding, Begriff und Symbol eindeutig zusammengehören, wäre es also unmöglich, wenn nicht sogar unnötig, irgendeine Form alternativen Sprachgebrauchs herbeizuführen. Der Sprachalltag selbst zeigt aber, dass das nicht immer gelingt. Vielmehr ist es sogar in den meisten Fällen fragwürdig, ob der eben verwendete Begriff das betrachtete Ding oder die Situation richtig erfasst hat, ob das eben verwendete Wort (Symbol) den gemeinten Begriff trifft, und so weiter. Daher hat ein Ansatz, der die Bewegung und Variabilität von Sprache einschließt, den entscheidenden Vorteil, dass er die Wirklichkeit* differenzierter beschreiben kann. Es wird der differentielle Charakter von Sprache berücksichtigt. Ein Begriff ist in seiner Bedeutung selten durch seinen Ausdruck bestimmt (außer bei einigen wenigen lautmalerischen Wörtern, wie etwa „Kuckuck“), sondern meistens durch die Abgrenzung (Differenz) zu anderen Begriffen. Die Verbindung von Ding, Wort und Bedeutung, die uns im Sprachalltag so selbstverständlich erscheint, ist im Grunde „arbiträr“, d.h. beliebig, und nicht natürlich. Und damit veränderbar.

Aber: Verändert die Sprache die Wirklichkeit?

Sprache verändert sicherlich nicht in dem Sinne die Wirklichkeit*, als dass wir einfach nur anders sprechen müssen und alles würde besser. Aber unter Berücksichtigung der oben gemachten Punkte ergeben sich verschiedene Ebenen, wie Sprache durchaus unser Denken beeinflusst – und somit indirekt unsere Handlungen verändern kann. Sprache ‘macht’ also nicht direkt die Wirklichkeit*, aber unsere Wahrnehmung und die Ordnung der gemeinsamen Wirklichkeit*, da sie den sozialen Raum mit gestaltet und strukturiert.

Differenzen und Gemeinsamkeiten einer Gesellschaft können nur dort ‘fruchtbar’ gemacht werden, wo sie sichtbar werden – zugleich aber muss es einen möglichst „neutralen“ (respektive diversen) Raum geben, um allen* einen gleichwertigen Platz einzuräumen und Diskriminierung zu vermeiden. D.h. nicht, dass nicht mehr von ‘Männern’ oder von ‘Frauen’ gesprochen werden darf, nur, dass darüber nachgedacht werden sollte, welche Rolle eine solche Zuordnung für eine Aussage haben kann.

Fußnote: Im politischen Diskurs ist es durchaus nicht unwichtig, gemeinsame Bezugspunkte zu finden, um einen Standpunkt treffend artikulieren zu können. Umso wichtiger scheint es daher, eine Sprache zu finden, die möglichst viele Menschen einschließt. Diese betrifft auch Diskurse um Migration, rassistische Diskriminierung, verschiedene Naturbegriffe, etc. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass die verschiedenen Sprachen auf diesem Planeten oft auch unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit* bilden. Dies soll jedoch nicht zu einem platten Relativismus führen, sondern zu einer Sensibilität im Bezug auf den jeweiligen Kontext, in dem eine_r sich bewegt. Sprache ist nur ein Teil kultureller Praxis, wenn auch ein besonders wichtiger.

Daher ist es nie neutral, ausschließlich männliche Pronomina oder weibliche Pronomen zu benutzen, auch nicht mit dem Hinweis darauf, dass alle* ‘mitgemeint’ sind. Denn gerade im Bezug das Geschlecht* werden Pronomen stets noch biologisch-essentialistisch gelesen, d.h. sie werden als fundamental identitätsstiftendes Moment einer Person gewertet. Diese Tatsache sollte besonders im Kontext queer_feministischer Kritik berücksichtigt werden. Es zeigt sich sicherlich besonders deutlich an den Widerständen und der Kritik gegenüber der Entscheidung in Leipzig, dass es noch so ist, dass die Einführung des generischen Femininums als ein politischer Akt des Widerstands verstanden werden kann: Bisher ist es immer noch so, dass „weibliche Bezeichnungen […] für Männer genauso untragbar wie weibliche Kleidungsstücke [sind]“ (Das Deutsche als Männersprache, 1984; S. 7). Es kann jedoch nicht das Ziel emanzipatorischer Politiken sein, Machtverhältnisse einfach nur umzukehren. Wo Sprache zugleich Moment der Befreiung* durch Selbstbezeichnung und Aneignung negativer Begrifflichkeiten sein kann – z.B. bei den Begriffen „Slut/Schlampe“ oder „Faggot/Schwuchtel“ geschehen –, muss sie stets im kommunikativen Verhältnis zum Anderen gedacht werden. Queer_feministische Praxis sollte Sprachkritik daher als ständiges Moment eines alternativen Zugangs zur eigenen Wirklichkeit* betrachten, zugleich aber nicht in eine reine Sprachkritik verfallen.

*Ich lehne meine Schreibweise an die Vorschläge von Nadine Lantzsch und Leah Bretz an, mehr in deren Buch: „Queer_Feminismus – Label und Lebensrealität“, 2013.

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